Der letzte Themenabend stand im Licht der Frage, wie man Veränderung bewirken kann, ohne sie direkt einzufordern. Veränderung hin zu mehr Gesehen werden, mehr Zuhören, mehr Beteiligung.
Aber wer soll hier eigentlich wen verändern? Und warum soll das „von hinten durch die Brust ins Auge“ passieren? Nun, ein Teammitglied ist nicht in der Position, der Führungskraft zu sagen, dass sie sich verändern sollte. Oder ihren Umgang mit dem Team. Oder dass ihre Art zu führen fehlgeleitet ist. Das ist systemisch nicht richtig und meist nicht von Erfolg gekrönt. Viel eher werden dadurch Widerstände aufgebaut und Fronten verhärtet. Führung passiert in den üblichen Systemen nach wie vor von „oben“ nach „unten“. Die Position, auf die wir uns beim Themenabend fokussiert haben, ist also das Teammitglied, das eine Verhaltensänderung der Führungskraft bewirken möchte. Damit die besten Ergebnisse für alle erzielt werden können, und nicht persönliche Bedürfnisse oder politische Gegebenheiten den Ton angeben.
Nudging
Da eine direkte Ansprache durch den zu befürchteten Widerstand keine Option darstellt, ist also die Frage, wie ein „Nudging“ in dieser Hinsicht aussehen kann. Wir stellen erst einmal fest, dass wir das Verhalten von anderen nicht gegen deren Willen und Einverständnis – und oft selbst MIT deren Einverständnis – verändern können. Aber das eigene Verhalten können wir schon ändern.
Das Ziel ist also, die für alle beste Lösung für eine Herausforderung zu finden. Das bedeutet, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten in der Lösung berücksichtigt werden. Und um dies zu erreichen, müssen wir also erst einmal die unterschiedlichen Bedürfnisse in Erfahrung bringen. Klingt so einfach…
Die Bedürfnisse von anderen erfahren
Die einfachste Möglichkeit, Bedürfnisse von anderen sichtbar zu machen, ist ihnen eine Stimme zu geben. Und zwar nicht, indem ich ihnen sage, was sie brauchen, sondern indem ich für leise Stimmen der Marinelautsprecher bin, der auch durch Sturm und Regen die Worte überträgt. „Ich finde ganz wichtig, was Paula gerade gesagt hat.“ Und dabei geht es nicht darum, was ich von Paula verstanden habe, sondern um das, was Paula tatsächlich gemeint hat. Wenn ich mir nicht sicher bin, ob meine Aussage dem entspricht, frage ich Paula so lange, bis ich sie richtig verstanden habe. Und dann ist ihre Aussage immer noch wichtig. Wenn nicht sogar noch wichtiger, denn erst jetzt hat Paula wirklich eine Stimme bekommen durch meinen Verstärker. Diese Stimme und Bühne gibt Paula das Gefühl von psychologischer Sicherheit. Wenn so etwas nur einmal ganz isoliert passiert, ändert sich noch nichts. Aber wenn unser Marinelautsprecher dem Schreien der Möwen und dem Flüstern des Windes – auch bekannt als Flurfunk – einen Verstärker schenkt, dann wird langsam ein Bild daraus. Auch der Flurfunk hat eine Quelle: „Letztens hat Michael etwas gesagt, was auch ganz spannend war.“ oder einfach „Hast Du Dir das selbst ausgedacht?“ Über die Zeit werden Entscheidungen dann nicht „auf dem Golfplatz“ gefällt, sondern eher auch an Deck auf hoher See.
Die lauteste Möwe auf dem Schiff
Wir haben jetzt das Flüstern des Windes verstärkt, aber was ist mit einer besonders lauten und vorwitzigen Möwe? Nennen wir die Möwe Thomas (der Name ist kein Zufall). Im Zweifel ist Thomas der Führungskraft recht ähnlich und wird dadurch bevorzugt wahrgenommen. Was die Möwe Thomas von sich gibt, mag Dir aber als ziemliches „Meins-Meins-Meins“ auffallen mit wenig für alle konstruktivem Inhalt. Wir wollen Thomas also nicht zuviel Bühne geben. Gleichzeitig wollen wir die Möwe aber nicht bloßstellen, denn das könnte den Unmut und Widerstand der Thomas ähnlichen Führungskraft auf den Plan rufen.
Eine Möglichkeit, die wir haben, ist die Reaktion auf Thomas’ Bemerkungen. Wir können diese in Bezug zum bereits Gesagten setzen („Hat das nicht Paula vorhin auch schon gesagt?“). Oder, wenn das nicht geht, können wir Thomas‘ Bemerkungen „übersetzen“ in etwas … sagen wir „Sinnvolles“. Thomas möchte beispielsweise einen Kühlschrank mit Bier an Deck installieren – und wir übersetzen „Stimmt – wir brauchen ausreichend Lagerplatz für frisches Wasser, wenn wir wochenlang auf dem Meer unterwegs sind!“ So führt jeder Beitrag zur Weiterentwicklung der Lösung. Wenn Thomas merkt, dass seine Äußerungen schnell, aber immer leicht verbessert Einfluss auf das Gesamtergebnis nehmen, wird er womöglich zukünftig erst einmal selbst über die Qualität seiner Beiträge nachdenken.
Keine Selbstjustiz!
Wie ist das jetzt mit Äußerungen und „Ideen“, die wir als unsachlich und nicht konstruktiv wahrnehmen? Vielleicht kommen sie von Thomas, vielleicht von Birgit, vielleicht mögen wir den Sender einfach nicht und es hat mit der Äußerung von Paula gar nichts zu tun. Erinnern wir uns an das Ziel: die beste Lösung für alle. Für alle. A-L-L-E. Und wir erinnern uns daran, dass der Bier-Vorschlag von Thomas dazu geführt hat, dass wir genügend Wasser für x Wochen an Bord haben. Wir können also gar nicht wissen, welchen Wert die Äußerung tatsächlich für die Lösungsfindung hat. Vielleicht macht Birgit eine Äußerung, die wir als unpassend wahrnehmen und ausgerechnet Thomas hat daraufhin eine entscheidende Idee? Es lohnt sich also, zielgerichtet nachzufragen. „Ich verstehe den Zusammenhang zwischen der Frage und Deiner Idee nicht.“ Je konkreter Deine Frage zu der Aussage ist, desto schneller wirkt sie (Die Fragen dieser Welt). Entweder derjenige ist still oder der Beitrag wird zielführend gefiltert. Die Haltung darf aber sein, dass jede Aussage potentiell einen Beitrag leisten kann.
Nur keine Hektik
Auf dem Wasser werden selten so hohe Geschwindigkeiten erreicht wie auf dem Land. Je tiefer das Boot im Wasser liegt, desto langsamer ist es. Und so braucht auch die Veränderung von Verhalten Zeit und Ausdauer. Die hier propagierte Form von Nudging ist in erster Linie ein konsequentes Verhalten, das wie eine Hafenmauer allen Angriffen standhält. Da kommen Sturm und Wellen, die die Hafenmauer herausfordern. Doch eine gute Mauer hält. Boote, die die Sicherheit des Hafens erkennen, fahren hinein. Die Kapitäne dieser Boote werden den Erhalt und Weiterbau der Hafenmauer nach ihren persönlichen Kräften unterstützen. Und es gibt auch Boote, die vor dem Hafen ankern. Denen die Sicherheit irgendwie suspekt ist. Die von durch politische Wellen aufgewirbelter Trübe profitieren. Wenn die Führungskraft ein Tsunami ist, dann verschwindet der Hafen. Ein System reinigt sich selbst. Der von uns favorisierte Weg ist klare Transparenz. Wasser, das bis zum Grund blicken lässt. Wer diese Klarheit und Transparenz nicht erträgt, wird das System verlassen. Viele kleine biologische und physikalische Mechanismen sorgen dafür, dass Wasser sich klärt. Wir zählen menschliches, transparentes Verhalten dazu. Wenn die Organisation diese Klarheit nicht möchte, wird sie Öl und Dreck ins Wasser kippen und klärende Mechanismen boykottieren. Dann verschwindet die Hafenmauer. Wer klares Wasser braucht, kann im trüben Tümpel nicht schwimmen und sollte sich einen anderen Hafen suchen.
Am Text haben mitgewirkt Eva Kippenberg und Melanie Nose. Die KI war diesmal komplett beurlaubt. 😉
Die INWIA Consulting GmbH unterstützt Sie gerne darin, eine dem Text entsprechende Kommuniktaion im Team zu etablieren.