„Wie würden wir unser Team zusammenstellen?“ war die Frage, die wir uns im März gestellt haben. Und die Antwort hat uns selbst überrascht. Denn der Austausch mündete in die Frage „Welchen Einfluss hat der eigene – in unserem Fall sehr „offene“ – Führungsstil eigentlich auf Dauer auf den Teamzusammenhalt?“ und „Welche Eigenschaften brauchen Mitarbeitende, damit ein offen geführtes Team wirklich funktioniert?“.
Vertrauen als Fundament – Henne oder Ei?
Das wichtigste Merkmal, das wir uns bei Mitarbeitenden wünschen würden, ist gegenseitiges Vertrauen. Es bildet die Grundlage für eine offene Zusammenarbeit, in der auch persönliche Themen ihren Raum finden und Arbeitsbelastung offen angesprochen werden kann. Dieses Vertrauen entsteht, wenn alle im Team ein gemeinsames Ziel verfolgen und jede Person die eigene Meinung einbringen kann. Eine abweichende Haltung zu äußern setzt Vertrauen voraus – und gleichzeitig entsteht Vertrauen genau daraus: aus der Erfahrung, dass eine eigene Meinung keine negativen Folgen hat. Ist dieses Vertrauen vorhanden, wächst die Bereitschaft, den eigenen Erfahrungs- und Wissenshintergrund aktiv ins Team einzubringen.
Jedoch können auch wir einem Menschen die Vertrauenswürdigkeit nicht ansehen. Im Bewerbungsprozess zeigt sich ein solches Grundvertrauen beispielsweise daran, dass eine Kandidatin konkret benennen kann, welchen Mehrwert sie einbringt – oder ein Kandidat eben keine „fertige“ Lösung präsentiert. Selbstkenntnis und der Mut zur Lücke. Hier wird das Vertrauen der Kandidaten in den Bewerbungsprozess sichtbar: Sie haben den Mut, sich selbst mit ihren Fähigkeiten und auch ihren Lücken zu zeigen. Zu einem guten Stück ist das auch Vertrauen in sich selbst. Und dieses Selbst-Vertrauen erlaubt eine gemeinsame Suche nach der besten Lösung.
Im Gegenzug muss die Organisation im Bewerbungsprozess dann allerdings auch eine Atmosphäre schaffen, die Vertrauen zulässt.
Die entscheidende Wende: Nicht Auswahl, sondern Führung
Ein Wendepunkt in unserem Gespräch war die Erkenntnis: „Eigentlich habe ich mir meine besten Mitarbeiter gar nicht selbst ausgesucht. Die waren einfach schon da.“ Diese Erkenntnis hat unseren Blick verschoben – weg von der Frage der Auswahl, hin zur Frage: Welchen Einfluss hat der Führungsstil auf den Teamzusammenhalt und auch die Entwicklung der einzelnen Teammitglieder?
Selbst wenn eine Bewerberin die Fähigkeit mitbringt, auf Nachfrage eine eigene Meinung äußern und begründen zu können, wird diese Fähigkeit im Zeitverlauf massiv durch die Führungskraft geprägt. Ein offenes Arbeitsklima, in dem abweichende Meinungen ohne Risiko geäußert werden können, ermutigt sehr schnell dazu, eigene Impulse zu teilen – auch wenn man dies zu Beginn nur bei anderen beobachtet und selbst noch still bleibt. Ein Klima ohne diese Offenheit hingegen sorgt fast augenblicklich dafür, dass jeder seine Ideen für sich behält.
Eine offene Führung lebt davon, dass die Teammitglieder sich gegenseitig Feedback geben und in ein selbständiges Arbeiten hineinwachsen. Bei dem einen geht das schneller, bei der anderen mag das langsamer gehen. Entscheidend ist auch hier die Grundhaltung, wie die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung wahrgenommen wird.
Selbstständigkeit und Feedback ist auch ein Entwicklungsfeld
Natürlich gibt es Abstufungen. Während Clara vielleicht vollständig selbstständig arbeiten möchte – und dabei auch Fehler macht –, möchte Paul womöglich weiterhin Anleitung und Feedback, selbst wenn seine Arbeit einwandfrei ist. Entscheidend ist im Team weniger, ob jemand eng geführt werden möchte oder nicht. Bei einem offenen Führungsstil ist eher entscheidend, dass sich die Arbeitsweise sukzessive an das gemeinsame Zielverständnis angleicht. Dabei ist nicht nur die Frage, was genau das Ziel ist, sondern ein Stück weit eben auch der Weg zu diesem Ziel. Es muss transparent herausgearbeitet werden, welche Währung auf das gemeinsame Ziel in welcher Höhe einzahlt. Wenn ich weiß, warum ich mit dem Fahrrad fahren und nicht zu Fuß gehen soll, bin ich auch eher bereit, mir das Fahrrad genauer anzuschauen und Fahrradfahren überhaupt erstmal zu lernen. Wer diese Bereitschaft missen lässt, wird immer nebenher laufen und dem Team auf die Bremse treten.
Was es braucht: Klare Spielregeln stärken den Zusammenhalt
Guter Führungsstil und Teamzusammenhalt brauchen vor allem eines: wenige und glasklare Spielregeln. Und Regeln sollten sich immer auf das beschränken, was auch gut beobachtbar ist. Oder noch besser – was bei Regelbruch automatisch auffällt. Denn auch wenn Vertrauen gut ist, ist Kontrolle nicht besser. Vertrauensmissbrauch schadet dem Zusammenhalt eines Teams nachhaltig. Transparent begründete und auf das Notwendige beschränkte Regeln schaffen einen Rahmen, der sich durch individuelle Impulse und Fortschritte wie ein Organismus weiterentwickelt – und sich dabei auch selbst reguliert. Dadurch ändern sich womöglich auch die Regeln und passen sich transparent an die unterschiedlichen Bedürfnisse im Team an. Wer damit nicht klar kommt, dass auch Lieschen Müller sie selbst sein darf und ihre Beiträge den Gleichen Wert zugesprochen bekommen, der geht dann freiwillig.
Ein solches Team bietet Raum für Individuen. Menschen mit Ecken und Kanten, die Persönlichkeiten darstellen. Wenn andere Kanten haben dürfen, dann darf ich das auch. Das ist der soziale Kleber, der alles zusammenhält.
An dem Artikel haben mitgewirkt: Eva Kippenberg, Ute Schiebusch-Reiter und Melanie Nose